Einblick in meine Arbeit
Luca sitzt aufrecht auf dem Stuhl, kneift seine wachen Augen zusammen und fixiert die halben Nussschalen, die auf dem Fell einer Trommel liegen. Dann sagt er entschlossen: «Drei», holt aus und schlägt mit dem Paukenschläger kräftig auf das Trommelfell. Volltreffer! Exakt drei der neun Nussschalen haben sich gedreht.
Vor fünf Minuten hat seine Mutter ihn in die Kinder-Klang-Stube gebracht. Seit der Sechsjährige in der Schule ist, hat er sich verändert. Aus dem quirligen Bub ist plötzlich ein stummer Grübler geworden. Es braucht am Morgen jetzt viel Überzeugungsarbeit, bis Luca aus dem Bett kommt und danach aus dem Haus geht. Auch sonst kann man ihn für fast nichts mehr begeistern.
Luca setzt sich an das grosse Xylophon, ich nehme am Klavier Platz und spiele auf den hohen Tönen eine kurze Melodie. Luca nimmt sie auf und spielt eine ähnliche Abfolge im gleichen Rhythmus. Ich lege wieder vor, Luca antwortet. So geht das hin und her, bis ich etwas Raum lasse. Ohne dass wir es abgesprochen haben, übernimmt jetzt Luca und spielt eine Melodie auf den tiefsten Tönen. Ich antworte ebenfalls auf den tiefen Tönen und sehe ein Lächeln über Lucas Gesicht huschen. Er gibt noch einmal eine Melodie vor, bevor wir gemeinsam einen Abschluss finden.
Es ist schön, wenn wie bei Luca schon beim dritten Besuch ein musikalischer Dialog entsteht. Zentral ist jedoch, dass Luca sich ausdrückt und das positiv wahrnimmt. Er soll sich im Dialog vollwertig und angenommen fühlen – fernab jeglicher Bewertung von richtig oder falsch.
Als Nächstes erfinden wir gemeinsam eine Klanggeschichte. Wir bauen Spannung auf und versuchen, verschiedene Stimmungen zu vertonen. Luca wählt das Djembe, ich nehme die norwegische Hirtenflöte. Es stehen diverse weitere Instrumente zur Verfügung: Xylo- und Metallophon, ein Glockenspiel, ein KoTaMo ( Therapie- und Meditations - Saiteninstrument), verschiedene Trommeln, sowie weitere Saiteninstrumente zum Streichen und Zupfen.
Dabei ist es übrigens nicht das Ziel, dass Luca ein Instrument spielen lernt. Das spielerische Experimentieren und Erkunden der Klänge steht im Vordergrund.
Nun kann Luca als entspannender Gegenpol zum musikalischen Gestalten, auf die speziell dafür angefertigte Klangliege sitzen oder liegen und dabei der geheimnisvollen Klangwelt tiefgestimmter Saiten lauschen und die beruhigenden Vibrationen am ganzen Körper spüren.
Die 40 Minuten sind um, Lucas Mutter holt ihn wieder ab. Weil diese musikalischen Begegnungen in der Kinder-Klang-Stube nur Sinn machen, wenn das Kind von sich aus motiviert ist, wie immer am Ende einer Lektion auch an Luca die Frage: «Kommst du wieder?»